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Humboldt-Stipendiaten an der FOVOG

Florent Cygler (Université de Nantes)

September 2011 bis vorauss. August 2012

Ab dem 12. Jahrhundert fächerte sich im christlichen Abendland in zunehmendem Maße die "vita religiosa" bzw. "vita regularis" in nun nach cisterziensischem Vorbild religiöse Orden auf, d.h. als Rechtsubjekte konzipierte, sich von anderen bewußt abgrenzende und transpersonal geleitete Klosterverbände. Die betroffenen Religiosen rekurrierten dabei auf einen neuen Typ von normsetzenden Rechtstexten: die (Ordens-)Statuten. Diese traten neben Regeln und evtl. vorhandenen "consuetudines"-Aufzeichnungen immer mehr in den Vordergrund und wurden dauerhaft zum Hauptträger ihres jeweiligen, sich stets wandelnden "ius particulare". Es handelte sich um eigene, generell-hypothetisch sowie prospektiv formulierte, zumeist gemeinschaftlich approbierte und in Kraft gesetzte Rechtssatzungen, die jederzeit abgeändert werden konnten, bzw. im erweiterten Sinne um offizielle, als Rechtsbücher angelegte Sammlungen. Das Forschungsvorhaben möchte sich dieser besonderen, für die mittelalterliche "vita religiosa" absolut zentralen, aber bislang wenig erforschten Quellengattung widmen. In kompakter, synthetischer und forschungspraktischer monographischer Form sowie gestützt auf möglichst vielen Beispielen aus den vier Hauptzweigen der abendländischen mittelalterlichen vita regularis ("vita monastica", "vita canonica", Bettelorden und geistlichen Ritterorden) soll die angestrebte Präsentation das Augenmerk insbesondere auf folgende Punkte richten: Definition des Genres, Textformen und -entwicklung, Inhalte, historische Bedeutung. Zudem soll ein umfassender bibliographischer Apparat erstellt werden, der sowohl die sehr verstreuten Studien zum Eigenrecht der religiösen Orden als auch die zahlreich vorhandenen Editionswerke gebündelt und kommentiert auflistet. Anmerkungen zur handschriftlichen überlieferung sollen ebenfalls in die Arbeit integriert werden.

Pavel Blažek (Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik - Prag)

März 2010 bis März 2011

"Die Polygamiefrage im lateinischen Mittelalter"

Erörterungen über die Polygamie weisen in der Geschichte abendländischen Denkens eine lange Tradition auf. Diese beginnt in der Antike mit Platon und reicht bis zu den Diskussionen über die Mehrehen der Mormonen im 19. Jahrhundert. Eine wichtige Etappe in der Geschichte der Polygamiefrage stellt das lateinische Mittelalter dar. Die hiesigen Diskurse über die Polygamie haben ihren Ursprung im 12. Jahrhunderts und wurden über das gesamte Spätmittelalter, insbesondere von Angehörigen der neuen Bettelorden geführt. Wir begegnen ihnen sowohl in der Theologie, als auch in der Philosophie und in der Kanonistik. Den Hintergrund des damaligen Interesses an diesem Thema bildeten vor allem das Problem der Polygamie im Alten Testament (Abraham, Jakob, David, Salomon etc.) sowie die Begegnung mit der Polygamie im Koran und im Islam. Beide Probleme stellten eine Herausforderung dar, die dringend einer Erklärung bedurfte, sollten dadurch nicht die christliche Einehe und die strikt monogame Sexualethik in Frage gestellt werden.

Während die Geschichte des antiken und neuzeitlichen Polygamiediskurses bereits gut erforscht ist, stellen die Polygamiediskussionen des Mittelalters ein von der bisherigen Forschung nahezu völlig ignoriertes Forschungsfeld dar. Dieses Desiderat möchte das Projekt beheben. Ziel ist eine umfassende, interdisziplinär angelegte Untersuchung und Auswertung der Polygamiefrage im mittelalterlichen Denken und deren kultur-, geistes- und sozialgeschichtliche Kontextualisierung. Es soll zum einen der Versuch unternommen werden, den Verlauf der mittelalterlichen Polygamiediskussionen in Theologie, Philosophie und Kirchenrecht möglichst umfassend zu rekonstruieren und diese in die allgemeine Ideengeschichte der Polygamie zwischen Antike und Neuzeit einzuordnen. Zum anderen soll die mittelalterliche Polygamiediskussion quasi als Exempel breiterer kultur-, geistes- und sozialgeschichtlicher Entwicklungen des späteren Mittelalters analysiert und in diese eingebettet werden.

Das Projekt wird an der FOVOG von Dr. Pavel Blažek im Rahmen eines Alexander von Humboldt-Forschungsstipendiums durchgeführt. Dr. Blažek hat Geschichte und Mediävistik an den Universitäten London (University College London), Pisa (Scuola Normale Superiore) und Louvain-la-Neuve studiert und im Jahr 2004 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Fach Mittelalterliche Geschichte promoviert. Seine gegenwärtige ausländische Heimatinstitution ist die Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag. Dr. Blažek verbringt an der FOVOG das zweite Förderjahr seines zweijährigen Humboldt-Stipendienaufenthaltes in Deutschland, nachdem er das erste an der Ludwig-Maximilians-Universität in München verbracht hat.

Guido Cariboni (Università Cattolica del Sacro Cuore - Milano)

September 2008 bis August 2009

„Mit meinem Forschungsprojekt möchte ich Wechselwirkungen, Verknüpfungen und Dynamiken zwischen internen institutionellen Mechanismen der mittelalterlichen Klöster und Orden einerseits und der Appellation bzw. dem Appellationsverbot an die römische Kirche andererseits in zwei geographisch und kulturell unterschiedlichen, dennoch eng miteinander verbundenen Räumen, dem Regnum italicum und dem Regnum teutonicum während des 12. und 13. Jahrhunderts untersuchen. Mit diesem Thema eng verknüpft ist die Problematik von Gehorsamspraxis und Machtausübung innerhalb der durch institutionelle Beziehungen konstituierten monastischen Netzwerke.
Diese Phänomene stellen einen sehr geeigneten Ausgangpunkt dar, um die Beziehungen einerseits zwischen die römische Kirche und den Spitzen der einzelnen religiösen Orden und andererseits den einzelnen peripheren Regionen zu untersuchen. Es handelt sich dabei um ein Beziehungsgeflecht zwischen der Gesamtkirche, den Diözesankirchen und den religiösen Orden, welches - beeinflusst von den lokalen sozialen und politischen Wirklichkeiten - immer stabilere institutionelle Strukturen herausgebildet hatte.
Um diesen Phänomenbestand analytisch greifbar zu machen, ist das Forschungsprojekt in zwei Ebenen gegliedert: zum einen die normative Ebene sowohl in Bezug auf die innere Struktur der Orden als auch in Bezug auf das kanonische Recht und zum anderen die Ebene der lokalen Entwicklungen, also den Aufgliederungen und Reformbewegungen der Klöster und Orden im Gebiet des Deutschen Reiches und Oberitaliens. Diese beiden Ebene stehen dabei zueinander nicht in Gegensatz. Es handelt sich auch nicht um einen Dualismus oder eine Antinomie, sondern um eine Struktur der Wechselwirkungen. Ausgehend von einzelnen Episoden und beispielhaften Ereignissen, besonders in den deutschen Raum, kann überprüft werden, auf welche Schwierigkeiten die Anwendung der Norm in einer bestimmten Region traf, welche sowohl von ordensinternen, als auch ordensexternen Eigendynamiken bestimmt war.“

Cristina Andenna (Università degli studi della Basilicata - Potenza)

Wiederaufnahme des Stipendiums vom 1. Juli bis 30. September 2007 an der FOVOG

"Die Kardinalprotektoren. Mittlerfiguren zwischen Curia Romana und religiösen Orden im 13. Jahrhundert"

„Der Kardinalprotektor fungierte als fundamentale „Mittlerfigur“, als päpstliches Kommunikationsmedium, um die zentralistischen Tendenzen des Papsttums während der unmittelbaren Zeit nach dem IV. Lateranum auch im Bereich der novae religiones durchzusetzen. Es handelte sich um ein neues Amt, das von Kardinal Ugolino, dem späteren Gregor IX., erfunden wurde, um die Rolle des Papstes als wichtigstem Repräsentanten der einzelnen „neuentstandenen“ Formen der vita religiosa zu garantieren und zu ermöglichen. Bezüglich des Amtes und der Funktionen der Kardinalprotektoren jedes einzelnen Ordens bedarf es noch einer vollständigen Studie über die rechtliche Stellung dieser Figuren und deren Bedeutung als engere Mitarbeiter des Papstes im 13. und 14. Jahrhundert. Das Forschungsprojekt stellt sich die Aufgabe, eine erste Rekognition über die Rolle und die rechtliche Stellung der Kardinalprotektoren zu untersuchen.“ Resümee des thematisch verwandten Vortrages auf dem 7. Internationalen Kolloquium des CERCOR (2009)

Direktor:
Prof. Dr. Gert Melville

Wiss. Geschäftsführerin / Koordinatorin: Dr. Cristina Andenna

FOVOG
Technische Universität
D - 01062 Dresden
Email: fovog-dresden(at)tu-dresden.de

Telefon: +49 (0) 351 4793 4180
Fax: +49 (0) 351 4793 4189

Die FOVOG ist eine zentral eingebundene Einrichtung der Technischen Universität Dresden

TU Dresden
Neues Graduiertenkolleg:
Zum Herbst 2013 wird ein Graduiertenkolleg zum interreli-
giösen Vergleich monastischer Kulturen eingerichtet. Details.

25. Juni 2013, Kolloquium:
"Reliquienschätze der Zisterzien-
ser: Wie Bonifatius nach Loccum kam."
(FOVOG, 18:00 Uhr c.t.)
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